These 10: Wir brauchen eine neue Forschungsethik.

(aus dem Vortrag 10 Thesen zur Zukunft der Marktforschung von Benedikt Köhler und Jörg Blumtritt)

"Privacy invasion is now one of our biggest knowledge industries."
"The more the data banks record about us, the less we exist."
H. Marshall McLuhan


"Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst."
 Immanuel Kant


Machen wir uns nichts vor: ein Großteil der Marktforschung dient nicht dem hehren Zweck, die Welt besser zu machen, sondern soll die Menschen schnöde dazu bringen, die Wahren zu kaufen - und zwar auch, wenn sie diese gar nicht haben wollen. Und diese Menschen werden dann auch entsprechend nur als Objekte gesehen; solange wir die Menschen als Verbraucher abqualifizieren, quasi als den Darm des Stoffwechsels unseres Wirtschaftssystems, bleiben ethische Forschungsregeln auf dem Niveau von "Bitte nicht Füttern".


Menschen sind Subjekte, nicht Objekte - wer einen Menschen als Mittel und nicht als Zweck sieht, nimmt ihm die Würde, um mit Kant zu sprechen; entsprechend müssen wir lernen, mit Menschen umzugehen. Dazu gehört, dass die Ziele und Ergebnisse unserer Studien zeitnah, transparent und nachvollziehbar für die Teilnehmer offengelegt werden müssen. Dazu gehört, das Gespräch zu suchen, Einzubeziehen, die Menschen einen aktiven Part zugeben und auch Raum für Feedback und Kritik zu schaffen - nicht um zu beschwichtigen, sondern ernst gemeint.


Umfragen, die über Social Media laufen, beziehen sich auf Netzwerke aus Freunden und Bekannten. Anonymität ist hier ein sinnloses Konstrukt. Stattdessen ist es entscheidend, sich als Forscher selbst als Teil der Community einzubringen und dann teilnehmend und austauschend zu beobachten, statt die Menschen auszuforschen, wie mit einem Mikroskop die Pilzkulturen in der Petrischale.


Genau wie in den Naturwissenschaften ist es schon längst nicht mehr möglich, Marktforschung im Elfenbeinturm zu betreiben und die soziale, politische und ethische Beurteilung der Ziele und Ergebnisse vornehm den Auftraggebern zu überlassen.


Wir Marktforscher brauchen eine Diskussion über unser Fach, die einbezieht, welche Folgen unser Tun für die Gesellschaft und die Menschen hat!

 

Fortschritt? Hah! (Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. IX)

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einizige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradise her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.
(Walter Benjamin, 1892-1940).